15 September 2006

Neuauflage des Karikaturenstreits?

Nach dem sog. Karikaturenstreit, welcher der Veröffentlichung von Gesichtern des Propheten Mohammed folgte, scheint sich der Himmel über der islamischen Welt erneut zu verdunkeln. Während des Besuches in seiner bayerischen Heimat hat sich der Pontifex in einer Rede am 12.9.2006 an der Universität Regensburg zum Thema "Glaube, Vernunft und Universität" geäußert. Im Gegensatz zum letzten Mal ließ die Reaktion in Form von Empörung aber nicht so lange auf sich warten (die Veröffentlichung der Karikaturen im Jyllands-Posten erfolgte im September 2005, während die unrühmlichen Aufstände erst gegen Februar 2006 aufkamen). Bereits einen Tag nach der Rede war in den Zeitungen von zahlreichen Schelten zu lesen und dass der Papst sich entschuldigen müsse. Prägend für die aufflammende Konfrontation scheint auch wieder zu sein, dass sich einige Personengruppen in ihren Ansichten gegenüber der westlichen Welt bestätigt sehen, ohne eigentlich über Sache an sich auch nur ansatzweise Bescheid zu wissen. Dass es sich damit weitgehend um Vorurteile handelt ist wahrscheinlich auch schon daran zu erkennen, wie sehr sich viele bei der Begründung ereifern. Meinem Verständnis nach hat der Hl. Vater in seiner Rede nicht herausstellen wollen, wie sehr die Kath. Kirche dem Islam überlegen sei oder wie unmenschlich diese Religion sein soll. Macht man sich die Mühe und liest sich das Transkript der Vorlesung durch (Wortlaut der Rede), wird schnell deutlich, dass das Zitat des Manuel II. nur gewählt wurde, um Ausführungen einzuleiten, wonach "nicht vernunftgemäßes Handeln" dem Wesen Gottes zuwiderlaufe und will letztlich darauf hinaus, dass grundsätzlich Gewalt keine Lösung sei, um jemanden zum Glauben zu führen. Vielmehr müsse er an Maßstäbe der Vernunft geknüpft sein. Dies wird auch am folgenden Auszug aus der Rede klar:


"Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen. In diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein. Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen."


Da das Zitat von den Medien natürlich aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben wird, kann zugegebenermaßen schnell der Eindruck entstehen, der Papst wolle sich despektierlich gegenüber dem Islam äußern, doch m.E. war das sicherlich nicht seine Intention. Es bleibt zu hoffen, dass nun nicht ein neuer Empörungssturm losbricht, der zum Frühjahresbeginn 2006 in Ausschreitungen und Anschlägen endete.

Im Spiegel Online ist dazu heute zu lesen:
"Dass der Papst weder den Propheten Mohammed noch den Islam kritisiert hat, interessiert bei dieser Spirale der gegenseitigen Vorwürfe kaum jemanden. Es gehört zu den ironischen Facetten dieser religiös aufgeladenen Zeiten, dass ausgerechnet eine Rede des Papstes, die die theologische Rolle der Vernunft hervorzuheben suchte, als Projektionsfläche für diese Kontroverse dient."


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